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Warum Klimajournalisten Deutschlands eiskalten Winter erklären müssen

    Von Magdalena Scharf

    Leipzig – Die Stadt erwachte an diesem Wintertag erneut bei –12 °C, und Leipzig reagierte so, wie Städte reagieren, wenn die Kälte zu lange anhält: weniger Radfahrer, ruhigere Straßen, Schnee, der so lange liegen blieb, dass er nicht mehr malerisch wirkte, sondern strukturelle Probleme verursachte.

    In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Winter in Ostdeutschland im Durchschnitt milder geworden, mit mehr Regen, weniger anhaltenden Frostperioden und kürzeren Schneebedeckungszeiten. Dieser Winter brach mit diesem Muster, nicht in einem einzigen dramatischen Moment, sondern durch seine Hartnäckigkeit. Laut Forschern der deutschen Wetter- und Klimaforschungsinstitute (DWD) herrschten in weiten Teilen Sachsens in diesem Winter über einen längeren Zeitraum Temperaturen unter dem Durchschnitt, wobei die Schneedecke lange genug liegen blieb, um die Kälte zu verstärken, indem sie das Sonnenlicht zurück in die Atmosphäre reflektierte. Dieser in der Klimawissenschaft gut bekannte Rückkopplungseffekt hilft zu erklären, warum Kälteperioden sich verstärken können, sobald sie einmal eingesetzt haben: Es kommt nicht nur darauf an, wie kalt es wird, sondern auch darauf, wie lange die Kälte anhält.

    Ein Winter wie früher?

    Wenn der Klimawandel real ist, fragten sich viele, warum sich dieser Winter dann wie ein Winter vor Jahrzehnten anfühlt? Die Erklärung liegt weit über den vereisten Straßen Leipzigs. „Die Erwärmung der Arktis – die viel schneller voranschreitet als der globale Durchschnitt – schwächt den Jetstream. Dadurch mäandert er stärker und kann zu ungewöhnlichen Wetterextremen wie Kälteperioden in Europa und Nordamerika führen“, sagt Dörthe Handorf, Atmosphärenphysikerin am Alfred-Wegener-Institut (AWI).

    In diesem Winter hat der Polarwirbel – ein Band starker Winde, das normalerweise die arktische Luft im hohen Norden festhält – abgeschwächt. Gleichzeitig hat der Jetstream eine verzerrtere Form angenommen und bildet nun Schleifen, anstatt gleichmäßig von West nach Ost zu strömen. Diese Veränderungen ermöglichen es der kalten arktischen Luft, nach Süden zu strömen und dort zu verbleiben. Wissenschaftler betonen, dass dies keineswegs im Widerspruch zur globalen Erwärmung steht. Es zeigt vielmehr, wie eine sich erwärmende Arktis die großräumige atmosphärische Zirkulation destabilisieren kann. Ein wärmeres System verhält sich nicht gleichmäßiger, sondern unberechenbarer. Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist nicht einfach nur eine Geschichte der stetigen Erwärmung. Es ist eine Geschichte des verlorenen Gleichgewichts.

    Es geht nicht um Daten, es geht um Erfahrungen

    Die Skepsis der Öffentlichkeit während Kälteperioden folgt einem bekannten Muster. Die sozialen Medien füllen sich mit Witzen. Die Posteingänge füllen sich mit Nachrichten, die den Frost als Beweis gegen die Erwärmung anführen. Die wissenschaftliche Gegenargumentation – dass einzelne Wetterereignisse langfristige Trends nicht negieren – ist zwar zutreffend, aber unzureichend. Denn bei der Skepsis geht es nicht wirklich um Daten. Es geht um gelebte Erfahrungen.

    Die Klimaberichterstattung hat sich stark auf Durchschnittswerte konzentriert: Jahrestemperaturen, globale Mittelwerte, langfristige Prognosen. Was sie nur schwer vermitteln konnte, ist die Volatilität – die Vorstellung, dass ein sich erwärmender Planet immer noch intensive Kälte hervorbringen kann und dass diese Kälte gerade deshalb als stärker empfunden wird, weil sie nicht mehr den Erwartungen entspricht. In der Leipziger Karl-Liebknecht-Straße berichten Cafébesitzer von kürzeren Besuchen und höheren Heizkosten. An Straßenbahnhaltestellen vergleichen die Anwohner diesen Winter mit denen der 1980er Jahre und messen die Gegenwart indem man die Gegenwart eher mit Erinnerungen als mit Modellen vergleicht. Der Schnee, der sich entlang der Kanäle in Plagwitz angesammelt hat, reflektiert das Sonnenlicht und hält die Temperaturen niedrig, wodurch ein Wetterereignis zu einem sich selbst verstärkenden System wird. Nichts davon widerlegt den Klimawandel. All dies veranschaulicht, wie der Klimawandel tatsächlich erlebt wird: lokal, ungleichmäßig und oft entgegen der Intuition.

    Die eisigen Wochen in Leipzig sind keine Rückkehr in die Vergangenheit. Sie sind ein Symptom eines Klimas, das sich nicht mehr zuverlässig genug verhält, um mit den Erinnerungen übereinzustimmen. Hitzerekorde und Kälteeinbrüche sind keine gegensätzlichen Erzählungen, sondern Kapitel derselben Geschichte.

    Wenn der Klimajournalismus glaubwürdig bleiben will, muss er über Beruhigung und Korrektur hinausgehen. Er muss nicht nur erklären, was passiert, sondern auch, warum es sich falsch anfühlt, wenn es passiert. Denn für die meisten Menschen ist der Klimawandel keine Linie in einem Diagramm, sondern die beunruhigende Erkenntnis, dass sich selbst vertraute Jahreszeiten langsam fremd anfühlen.

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