Von Elena Matera
Fast 1000 Fachleute diskutierten vom 23. bis 25. September in Hamburg über Rekordhitze, steigende Meerestemperaturen, Sturmrisiken und die Frage, wie sich Gesellschaften besser vorbereiten können.
Hamburg – Der Extremwetterkongress fand 2026 zum 16. Mal statt. Seit rund 20 Jahren bringt er vor allem Fachleute aus Deutschland aus Wetter- und Klimaforschung, Stadtplanung, Klimamanagement, Medien und Medizin zusammen. Rund 1000 Menschen waren angemeldet, so viele wie noch nie. Parallel fand die Deutsche KlimaManagementTagung statt: Während der Kongress den Stand der Forschung und Extremwetterrisiken behandelte, ging es dort in rund 40 Workshops um Energiewende, Klimaschutz und Klimaanpassung.
Von Klimaforschung bis Klimakommunikation
Das Programm reichte von Hitze als Gesundheitsrisiko über regionale Klimaprojektionen, Meereserwärmung und Sturmrisiken bis zu kommunaler Anpassung und Klimakommunikation.
Zu den Rednerinnen und Rednern gehörten unter anderem der Meteorologe und Wettermoderator Sven Plöger, Kongresspräsident Frank Böttcher, Tobias Fuchs, Vorstand Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst, sowie Celeste Saulo, Generalsekretärin der Weltorganisation für Meteorologie. Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider sprach auf dem Kongress. Weitere Beiträge kamen unter anderem von der Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, der Klimaaktivistin Luisa Neubauer oder der Psychotherapeutin Anika Heck, die einen überarbeiteten Medienleitfaden zum Klima vorstellte.
Ein besonderer Programmpunkt war die Session „In 80 Minuten um die Welt – Unser Planet live vor Ort“. Forschende und Fachleute wurden unter anderem aus Arktis, Antarktis, Manaus, Fidschi und dem Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt zugeschaltet.
Ein Kongress mit Déjà-vu
Vor allem der Sommer 2026 wurde auf dem Kongress immer wieder angesprochen. „Man merkt seit vielen Jahren, dass wir bei jedem Extremwetterkongress eine Art Déjà-vu erleben“, sagte Meteorologe Sven Plöger. „Wir erzählen ähnliche Dinge, nur mit langsam steigenden Temperaturen. Im Grunde genommen erleben wir eigentlich das, was uns die Klimaforschung seit Jahrzehnten sagt.“
In Deutschland war die Mitte Juni begonnene Hitzewelle außergewöhnlich intensiv. Ende Juni wurden bis zu 41,8 Grad gemessen, an mehr als 95 Prozent der Stationen des Deutschen Wetterdienstes neue Tages- oder Monatsrekorde. Fast 16.000 Menschen starben nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes im Zusammenhang mit den Hitzewellen. Nach erheblichen Niederschlagsdefiziten wurden zudem an zahlreichen Flusspegeln historische Tiefstände gemessen.
WAS WIR ÜBER DAS EXTREMWETTER IN DEUTSCHLAND WISSEN
Tobias Fuchs, Vorstand Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst, sagte auf dem Kongress: „Es ist gut möglich, dass wir in 30 Jahren zurückblicken und feststellen, dass der Sommer 2026 trotz seiner rekordverdächtigen Temperaturen noch einer der kühleren war.“
Der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch kritisierte in seinem Vortrag, dass die fast 16.000 Hitzetoten politisch kaum öffentlich thematisiert worden seien. „Das ist ein Skandal“, sagte Lesch. Öffentliche Reaktionen hätten auch benennen müssen, dass die Hitzewelle im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht. Von den großen deutschen Forschungsgesellschaften und der Hochschulrektorenkonferenz forderte er ein klareres öffentliches Bekenntnis zum Klimaschutz.
Auch Klimakommunikation und Journalismus waren Thema. So wurde etwa diskutiert, warum wissenschaftliche Warnungen oft nicht ausreichend gehört würden und warum Journalistinnen und Journalisten Zusammenhänge zwischen Extremwetter und Klimawandel konsequenter benennen sollten.
Der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Christian Stöcker sagte: „Wir wissen alles, aber tun nichts von dem, was wir tun müssten.“ Hinter diesem aus seiner Sicht irrationalen Verhalten stünden unter anderem psychologische Muster, wie kognitive Verzerrungen. Er verwies aber auch auf die strategische Kommunikation der Öl- und Gasindustrie, die seit Jahrzehnten Narrative verbreite, um politisches Nichtstun zu erleichtern. Für Stöcker liegen die größten Probleme daher derzeit weniger im fehlenden Wissen und an der Psychologie als in der politischen und kommunikativen Umsetzung.
Meere so warm wie nie
Ein Schwerpunkt des Kongresses waren auch die Ozeane. Sie nehmen rund 89 Prozent der zusätzlichen Energie auf, die durch den menschengemachten Klimawandel in das Klimasystem eingebracht wird. Die täglichen Meeresoberflächentemperaturen lagen 2026 im globalen Mittel zeitweise so hoch wie nie zuvor für diese Jahreszeit.
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie stellte auf dem Kongress auch neue Messungen und Analysen für die deutschen Küsten vor: Die Nordsee erreichte demnach 2025 mit 11,6 Grad im Jahresmittel die höchste Oberflächentemperatur seit Messbeginn 1969, die Ostsee mit 9,7 Grad das zweitwärmste Jahr seit 1990. Die Erwärmung verändert Lebensräume, fördert Algenblüten und lässt den Meeresspiegel steigen.
Stürme werden intensiver
Auch der WeltRisikoBericht 2026 wurde auf dem Kongress vorgestellt. Dieser enthält erstmals ein Sturmrisikoranking für 193 Staaten. Demnach werden tropische Wirbelstürme durch den Klimawandel nicht häufiger, aber intensiver. Zehn Länder tragen den Großteil der weltweiten Gefährdung. An der Spitze stehen dabei die Philippinen, Mexiko und Madagaskar, Deutschland liegt auf Rang 167. Ob aus einem Sturm eine Katastrophe wird, hängt laut Bericht nicht allein von der Windstärke ab. Entscheidend seien auch Bauvorschriften, Warnketten und soziale Sicherung.
Klimaschäden kosten Milliarden
Auch die wirtschaftlichen Folgen der Klimakrise waren Thema. „Nicht Klimaschutz ist teuer. Teuer ist Nichthandeln“, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einem Vortrag am zweiten Kongresstag. Zwischen 2000 und 2021 seien in Deutschland mindestens 145 Milliarden Euro an Klimaschäden entstanden, davon rund 80 Milliarden Euro seit 2018. Gesundheitsfolgen und Naturschäden tauchten in solchen Berechnungen oft nicht vollständig auf.
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Sie lenkte den Blick auch auf die Energiepolitik und warnte davor, die aktuelle fossile Energiekrise dauerhaft mit Subventionen abzufedern. Während die Kosten fossiler Energien stiegen, würden erneuerbare Energien günstiger. Dennoch halte die Politik an fossilen Strukturen fest. Für Kemfert ist das ein „Aufbäumen der fossilen Industrien“, obwohl der ökonomische Kipppunkt längst überschritten sei.
Deutschland müsse den Ausbau der erneuerbaren Energien mindestens verdoppeln und Batteriespeicher schneller ans Netz bringen. Neue Gaskraftwerke oder weitere Tankrabatte lehnt Kemfert ab, weil sie neue fossile Abhängigkeiten schaffen könnten. Auch Wärmenetze müssten schneller ausgebaut werden. Ihr Appell zum Schluss: „Einfach mal umsetzen, einfach mal machen!“
Von der Diagnose zur Anpassung
Wie können Städte und Gemeinden besser auf Hitze, Starkregen, Überschwemmungen oder Stürme vorbereitet werden? Wie lassen sich Infrastruktur, Warnsysteme und Katastrophenschutz widerstandsfähiger machen? Diese Fragen standen in vielen Workshops und auf Podien im Mittelpunkt.
Die Weltorganisation für Meteorologie fordert Investitionen in widerstandsfähige Infrastruktur, Wetter- und Klimadienste, Katastrophenvorsorge und Frühwarnsysteme. Celeste Saulo sagte: „Die Frage ist nicht, ob das nächste extreme Wetterereignis kommen wird. Die Frage ist, ob wir darauf vorbereitet sein werden.“
In ihrer Abschlusserklärung des Extremwetterkongresses sprachen sich die Teilnehmenden „für eine deutliche nationale wie internationale Verstärkung der Klimaschutzmaßnahmen“ aus und forderten „eine Beschleunigung der Klimaanpassung sowie des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes“. Sie verlangten außerdem die konsequente Umsetzung der Energie- und Wärmewende hin zu erneuerbaren Quellen, die zügige Genehmigung und den beschleunigten Ausbau von Energiegroßspeichern sowie eine deutliche Vereinfachung und Beschleunigung von Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren, insbesondere beim Abruf von Bundesmitteln durch Städte, Kommunen und Gemeinden.
International brauche es verlässliche Investitionen in widerstandsfähige Infrastruktur und Frühwarnsysteme für alle Menschen sowie eine verlässliche Finanzierung von Vorsorge und Anpassung für besonders gefährdete Länder. Auf kommunaler Ebene forderten die Teilnehmenden zudem verbindlichere Kooperationsstrukturen zwischen Kommunen und Wirtschaft, um bestehende Lücken bei der Klimaanpassung zu schließen.